Der Tanz als Teil der Bewegungskultur & Aufklärung
Ab der Mitte des 18. Jahrhunderts wandelte sich die Stellung des Tanzes im allgemeinen Gesellschaftsleben. Zuvor spielte der Tanz eine wichtige Rolle bei der Präsentation bei Hofe und diplomatischen Anlässen. Adelige und Könige, insbesondere Ludwig XIV., übernahmen Tanzpartien, um nicht nur ihr Talent im Tanz zu zeigen sondern auch um sich glorifiziert in Szene zu setzen.
Nach der Entscheidung Ludwig XIV. 1770 mit dem Tanzen aufzuhören, verliert der Tanz an Bedeutung. Noch unter seinem Vater nahmen die Tanzmeister wie Cordier (Bocan) eine hochangesehene und -dotierte Stellung ein. Mit der Auflösung der „Académie royale de danse“ (1666-1713) und Wandlung in die Opernballetschule „Ecole de Danse de l'Opéra“, eine der Oper untergeordnete Lehreinrichtung ohne weitere Expertenkompetenz und Beratungsfunktion, steht der Rolle der hochangesehenen Tanzmeister das Ende bevor.
Da danach professionelle Tänzer bei Aufführungen deren Platz einnahmen, hatte der Tanz nur noch reinen Unterhaltungswert. Hatte ein Tanzmeister, wie Johann Pasch der Ältere, bei Hof oft auch die Rolle des Erziehers, Fecht- und Reitlehrers , so treten diese Funktionen mehr und mehr in den Hintergrund.
Vielleicht um nicht weiter an Bedeutung zu verlieren und sich nur auf einen Tanzunterricht beschränken zu müssen, vielleicht auch im Geiste der Aufklärung, besinnen sich viele Tanzmeister in der Mitte des 18 Jahrhunderts dieser Verknüpfung von Fachgebieten. Es kommen mehr und mehr Werke auf, die eine allgemeine Bewegungslehre propagieren - Der Tanz zur leiblichen Erbauung.
So finden wir das „Curioses Reit-Jagd-Fecht-Tantz-oder-Ritter-Excercitien-Lexicon“, Valentino Trichtern, Leipzig, 1742; das „Encyclopédie méthodique. Arts académiques. Equitation, escrime, danse, et art de nager“, 1786; „Ueber das Leben und Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern und gesund zu erhalten“ Krahmer, 1799; bis hin zu „Die deutsche Turnkunst“, Jahn, 1816, in dem allerdings der Tanz nur noch als ein Kapitel im Literaturverzeichnis vorhanden ist.
Zur gleichen Zeit entsteht bedingt durch den Fortschritt in der Drucktechnik der Journalismus in seiner heutigen Form und des Massenmediums „Magazin“ und „Zeitung“. Die in ganz Europa entstehenden Magazine sind ein wichtiges Medium der Aufklärung.
Der Begriff der Zeitung lässt sich bis ins alte Rom zurückverfolgen, wo Pamphlete und Anschläge weit verbreitet waren. Im 17. Jahrhundert wandelt sich die Form, der Inhalt und die Funktion der Zeitung. Sie wird zum aktuellen Nachrichten- und umfangreichen Unterhaltungsmedium.
Wichtig für die Tanzforschung ist die Entwicklungsgeschichte des „Feuilletons“, der unterhaltsame Teil einer Zeitschrift. Feuilleton – das Blättchen - war der Titel der Theater- und Opernkritiken des französischen „Journal de Debats“ ab 1785. Die Form hat es aber viel mehr den verschiedenen englischen Magazinen nach 1730 zu verdanken.
Während man heute Kreuzworträtsel, Comics, Witze, Rezepte, das Horoskop und die neuesten Aerobic-Übungen zur Unterhaltung der Leser verwendet, findet man in den ersten englischen „Journal-Experimenten“ Mathematikaufgaben, Gedichte, Lieder, die Musik zu einem Menuett oder den neuesten Country Dance. Diese ersten Magazine richten sich meist an die Oberschicht mit gehobenen moralischen und inhaltlichen Ansprüchen.
Das Erscheinungsbild dieser ersten Magazine ist sehr unterschiedlich. In jedem Land finden wir je nach der Mentalität der Bürger und Leser andere Formen, wie der Tanz in den Magazinen auftaucht. In Frankreich finden sich Anzeigen von Tanzveranstaltungen und Kritiken über Theateraufführungen. In Deutschland werden darüber hinaus Bücherbesprechungen und Artikel über den Tanz veröffentlicht. In England erscheint sogar monatlich eine neue Tanzchoreographie zur Erbauung der Leser. Diese englischen „Gentleman“-Magazine, die ab ca. 1730 erscheinen kommen unseren heutigen Zeitungen am nächsten.
Auf diese will ich jetzt näher eingehen.
Die ersten Tänze erscheinen in den Ausgaben des „The Universal Magazine“ des Jahres 1735. Sie werden in reiner Textform abgedruckt. Die Anleitungen beziehen sich offensicht auf eine Musik, die aber nicht mit abgedruckt ist. Danach finden sich erst wieder um 1745 weitere Tanzchoreographien aber zugleich in mehreren Magazinen –„The Universal Magazine“, „The London Magazine“, „The Old Lady's magazine“ und „The Gentleman's magazine“.
Diese mehr als 50 Kontratänze werden mit Angabe des Titels, Musik (1 und 2 stimmig)und der Tanzfolge/Choreographie, also ähnlich der Form der Playford-Veröffentlichungen, abgedruckt. Allerdings fehlen meist Angaben zum Autor oder der Aufstellung/Formation. Wenn man die Tänze genauer studiert, erkennt man, dass es sich meist um Longways in Form von „Double Minors“ und zunehmend „Tripple Minors“ handelt.
Einige dieser Tänze finden sich in den Sammlungen von Walsh und Thompson wieder. Ob sich diese bei den Zeitungen „bedienten“ um Ihre Sammlungen zu vervollständigen, ist nicht ersichtlich. Einige wenige Tänze haben den Zusatz „By Mr. Timothy Drury“(1 Tanz) und „By Mr.George Dodsworth“(2) oder „By Mr.G. D.“ (1). Über diese Tanzmeister ist weiter nichts verzeichnet und zu finden.
Außerdem erscheint im Jahr 1768 ein Artikel - „Instructions for the more ready and perfect attainment of Cotillons or French country Dances“ Mons Gherardi, of Rathbone Place, Soho. Daraus lässt sich schließen, dass die Zeitungen über die Jahre mit unterschiedlichen Tanzmeistern zusammengearbeitet haben.
Diese „Dances of the Month“ stellen ein wundervolles und reizendes Zeitphänomen der Aufklärung und der entstehenden Gentleman-Klasse in England dar. Nach 1790 verschwinden dann die Tänze mehr und mehr aus den Magazinen.
Quellen:
1742 - Valentino Trichtern, Kurioses Reit-Jagd-Fecht-Tanz- oder Ritter-, Exercitien-Lexicon
1786 – Panckoucke & Plomteux, Encyclopédie méthodique. Arts académiques. Equitation, escrime, danse, et art de nager
1796 - Gerhard Vieth, Versuch einer Enzyklopädie der Leibesübungen
1799 - Christian Adolph, Ueber das Leben und Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern und gesund zu erhalten
1815 - Friedrich Ludwig Jahn, Die deutsche Turnkunst
1789-1805, Journal des débats et des décrets
1765-1796, Neue allgemeine deutsche Bibliothek
1798-1815, London und Paris
1784-1792, Journal von und für Deutschland
1773-1789, Der Teutsche Merkur
1749-1761, The Universal Magazine of Knowledge and Pleasure
1747-1783, The London Magazine, or Gentleman's Monthly Intelligencer
1744-1758, The Gentleman’s magazine
1770-1837, The Lady's magazine or entertaining companion for the fair sex
1786, The new Lady's magazine or entertaining companion for the fair sex
1751-1753, The Midwife, or, The old woman's magazine